Prospekt Rilkeweine 2011-2012
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Rilke in der Presse


03.09.2011 in der "Märkische Allgemeine"
Text von Frau Anthie Rössler


Zwischen Himmel und Erde

Bergbauern lesen wohl keine Gedichte. Als Rainer Maria Rilke auf dem Friedhof eines Schweizer Dörfleins beerdigt wurde, wussten die Einheimischen nichts von diesem weltberühmten Dichter. Sie staunten über die illustren Trauergäste, die mitten im Januar rote Rosen brachten. „Rosen im Winter – wo gibt’s denn so was?“, dürften sie sich gedacht haben.

Eine Rose hat Rilke auch in seine Grabinschrift aufgenommen, die er im Testament bestimmte: „Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, / niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern“, steht auf dem schlichten Grabstein. Die Sehnsucht nach Ruhe, wie sie in diesem Vers zum Ausdruck kommt, war es, die den Dichter überhaupt in die Schweiz führte. Die ersten 44 Jahre seines Lebens war der geborene Prager durch ganz Europa vagabundiert. Als Nichtfranzosen wies man ihn 1914 aus Paris aus; während des Ersten Weltkriegs war er meist in München. Mit Kriegsende verschwand sein Heimatland, das Habsburger Reich, und Rilke wurde zu einem Tschechen. Diese Entwurzelung führte auch zu einer Schaffenskrise.

Um seine lyrische Stimme wiederzufinden, reiste der Dichter 1919 in die von ihm sogenannte „Käse-Schweiz“. Er suchte dort nach einem Ort, wo er ungestört arbeiten konnte. Sein Vorhaben war es, einen Gedichtzyklus zu vollenden: die „Duineser Elegien“, die er bereits 1911 auf Schloss Duino in Norditalien, dem Stammsitz der Familie Thurn und Taxis, begonnen hatte.

In der Schweiz verschlug es ihn zunächst ins Tessin und in die Nähe von Zürich. Den kostspieligen eidgenössischen Lebenswandel ließ sich der Dichter von Mäzenen und vor allem Mäzeninnen finanzieren. Erst im Sommer 1921 entdeckte er in der Nähe von Siders – Sommerkurort eine neue Heimat.

Hier, im weit ausladenden Tal der Rhone, fand er die Merkmale zweier von ihm sehr geschätzter Gegenden vereinigt: Den Dichter ergriff es, „dass in der hiesigen landschaftlichen Erscheinung Spanien und die Provence so seltsam ineinander wirkten“. Das schrieb er jedenfalls an seine Freundin und Mäzenin Marie von Thurn und Taxis. Rilke war fasziniert davon, wie sich Schroffheit und Liebreiz in der Walliser Berglandschaft durchdringen und schwärmte von einem Land, das „irgendwo zwischen Himmel und Erde hängt“.

Der Dichter wanderte fast täglich, doch auf die hohen Berge oder gar in die Gletscher zog es ihn nicht. Rilke liebte die 1000 Jahre alte Kulturlandschaft: die Almwiesen und die von murmelnden Bächlein durchzogenen Weinberge, die engen Dörfer mit ihren wettergegerbten Holzhäusern. Die Alpengipfelwaren für ihn eher eine malerische Kulisse; er verglich sie mit Gobelins.

In Rilkes Landschaftsgedichten und Briefen hat das Wallis mancherlei Spuren hinterlassen. So ist das berühmte Gedicht „Herbsttag“ von einer bunt beblätterten Allee im Tal der Rhone inspiriert: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr / wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“. Den ersten Ausflug ins Wallis hatte Rilke bereits 1920 unternommen, gemeinsam mit der Malerin Baladine Klossowska, der letzten seiner zahlreichen Freundinnen. Die beiden stiegen im noblen Hotel Bellevue in Siders ab. Bei einem Spaziergang entdeckten sie im Schaufenster ein Verkaufsangebot für das Château de Muzot, den Turm einer Schlossanlage aus dem 13. Jahrhundert. Rilke war auf den ersten Blick davon angetan. Aufgeregt schrieb er an seinen Mäzen, den Schweizer Industriellen Werner Reinhart, der das Haus dann kaufte und dem Dichter zum Wohnen überließ.

Es dürfte nicht zuletzt die markante Form gewesen sein, die Rilke so an diesem Gebäude faszinierte. Türme hatten es dem Dichter schon lange angetan; sie dienten ihm immer wieder als Metapher. In dem Gedicht „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“ ist Gott ein „uralter Turm“, den der Dichter umkreist.

Hinter den Mauern von Muzot, die in der oberen Etage nur schießschartenartige Fensterschlitze freigeben, fand Rilke endlich die lang ersehnte Ruhe und Abgeschiedenheit. Hier vollendete er die „Duineser Elegien“ in einer einzigen Februarwoche des Jahres 1922. „Es war ein Sturm, der keinen Namen hat, ein Orkan im Geist“, schrieb der Dichter über diesen geradezu explosiven Schaffensrausch an Marie von Thurn und Taxis.

Dieser Gedichtzyklus, der Rilke über ein Jahrzehnt hinweg beschäftigte, ist ein groß angelegter metaphysischer Wurf. Er umfasst die gesamte, widersprüchliche Erfahrungswelt des modernen Menschen, der um seine Sterblichkeit weiß. Gleichwohl verschließt sich die metaphernreiche, in Satzbau und Grammatik unkonventionelle Sprache einer einfachen Deutung. Parallel zu den Elegien entstanden – „wie im Diktat“, so Rilke – die „Sonette an Orpheus“ mit dem berühmten Rilke-Satz „Du musst Dein Leben ändern!“. In Muzot schrieb der Dichter weiterhin mehrere Gedichtbände auf Französisch und übersetzte Werke des französischen Lyrikers Paul Valéry.

Zwar befindet sich Muzot heute in Privatbesitz der Erben des Rilke-Sponsors Reinhart. Über den niedrigen Gartenzaun lässt sich jedoch ein Blick auf den Turm und den charmant nachlässig gestalteten Garten werfen. Doch nur ein paar hundert Meter entfernt, im Altstadtkern von Siders, hat die Fondation Rilke ihren Sitz. Sie befindet sich in einem eleganten Patrizierbau aus dem 18. Jahrhundert, wo Bücher, Manuskripte, Fotos, Gemälde und Büsten aus dem Umfeld Rilkes versammelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht sind. Die Stiftung zeigt eine ständige Ausstellung „Rilke im Wallis“ und zudem wechselnde Schauen zu einzelnen Facetten von Rilkes Leben und Schaffen.

Ab 1923 musste der Dichter sein geliebtes Muzot immer wieder für Aufenthalte in einem Sanatorium am Genfer See verlassen; er litt an einer seltenen Form von Leukämie. 1925 verfasste er sein Testament und den Grabspruch mit der Rose. Als Grabstätte wählte er den Friedhof des 15 Kilometer flussabwärts gelegenen Dorfs Raron. „Ich zöge es vor, auf dem hochgelegenen Kirchhof neben der alten Kirche zu Rarogne zur Erde gebracht zu sein“, lautete sein letzter Wille.

Die mittelalterliche Kirche liegt auf einer Felsnase hoch über dem Dorf. An dieser Stelle, die einen weiten Blick ins Tal der Rhone ermöglicht, hatte sich der Dichter Jahre zuvor in die Landschaft des Wallis verliebt. Und es dürfte kein Zufall sein, dass neben der Kirche ein ähnlicher Steinturm steht wie Muzot; hier wohnte einst der Verwalter des Bischofs.

Im ehemaligen Pfarrhaus befindet sich heute ein Heimatmuseum mit einer Nachgestaltung von Rilkes Arbeitszimmer in Muzot. Wichtigstes Exponat ist ein Schreibpult, das Rilke, der gern im Stehen arbeitete, sich eigens schreinern ließ.

Am 29. Dezember 1926 starb Rilke mit 51 Jahren im Sanatorium. Vier Tage später wurde er in Raron beerdigt. Weil der Pfarrer nicht wusste, ob Rilke katholisch war, wurde er allerdings nicht auf dem Friedhof bestattet, sondern an der Selbstmördern und ungetauften Kindern vorbehaltenen Südseite der Kirche.

Die Walliser Bauern erfuhren von diesem Ereignis aus der Zeitung. Sie erkannten Rilke auf dem Foto neben dem Nachruf. „Der war öfters hier. Er hat nie gegrüßt“, sollen sie gesagt haben. (Von Antje Rößler)

Mit Sprachgewalt
Der österreichische Schriftsteller und Theaterkritiker Robert Musil sagte über Rainer Maria Rilke: „Dieser große Lyriker hat nichts gemacht, als dass er das deutsche Gedicht zum erstenmal vollkommen gemacht hat …“

Rilke beschrieb Wahrnehmungen und Bewusstseinszustände mit einer neuartigen Sprachgewalt. Sein Werk ist durchflochten von den Erfahrungen in fremden Ländern, großstädtischer Einsamkeit und zahlreichen Liebesgeschichten. In seinem Spätwerk wandte sich der Dichter kühnen Sprachexperimenten zu.

Geboren wurde Rilke am 4. Dezember 1875 in Prag. Er lebte in der Künstlerkolonie Worpswede, arbeitete in Paris als Sekretär des Bildhauers Auguste Rodin, der ihm zugleich eine idealisierte Vaterfigur war, und unternahm unzählige Reisen nach Russland, Italien, Schweden, Dänemark, Afrika und Spanien.

1921 bezog der Dichter das Schloss Muzot im Wallis, in dessen Nähe er am 2. Januar 1927 an der Kirche von Raron beerdigt wurde, wie er es sich gewünscht hatte.

Wer auf den Spuren Rilkes wandeln will, bekommt weitere Informationen unter www.wallis.ch (Kanton Wallis); www.raron-niedergesteln.ch (Rilke-Dorf Raron); www.fondationrilke.ch (Rilke-Museum in Siders); www.rilkeweine.ch (Führungen und Weinverkostungen). ar

Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke
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