Prospekt Rilkeweine 2011-2012
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Rilke Wallis

Grabstein  von R.M.Rilke auf dem Burgfelsen von Raron
Rilke und die Walliserberge

Bilder aus dieser Zeit zeigen Rilke, den noch nicht 50-jährigen, leicht gebückt an einem Stock gehend, und wenn er von Spaziergängen schreibt, gegen Venthone oder Leuk, so tönt das, wie wenn diese kurze Distanz eine kaum zu bewältigende Wegstrecke wäre. Von Sierre nach Muzot ist es seiner Meinung nach steil, das Aufwärtsgehen bereitete ihm wohl Mühe. Die Berge des Wallis und die Regionen ewigen Schnees bleiben ihm unbekannt und verschlossen: doch hören wir ihn dazu selbst:

"Was die Berge angeht, ja, so wundern Sie sich mit Recht, mich zwischen Ihnen angesiedelt zu sehen, statt in einer der mir von vornherein verwandteren Ebenen; Gebirge sind mir in der Tat wider die Natur, ihren grossen Begriff bildete ich mir spät, eigentlich erst angesichts des Atlas, am Rande der Wüste -: das erste Gebirg für mich, das ich in seiner Ordnung und Erhabenheit 'einsah'. Freilich auch, die Pyrenäen waren schon eine Vorstufe für mein Einsehen -, und gerade an sie, an die Provence und an Spanien (Länder, die von grossem Einfluss gewesen sind auf die Arbeiten, die mich eben beschäftigen), schloss ich mich mit den wunderbaren Gegebenheiten des Wallis irgendwie wieder an. Es sind nicht seine Berge, die mich überzeugen, sondern der merkwürdige Umstand, dass sie (sei es durch ihre Gestaltung oder auch ihre besondere Verteilung) raum-schaffend sind: wie eine Rodinsche Skulptur eine eigene Geräumigkeit in sich mitbringt und um sich herum ausgibt: so benehmen sich - für meinen Blick - die Berge und Hügel in diesen Gegenden des Valais; unerschöpflich geht Raum alls und zwischen ihnen hervor, so andere als eng dass diese Talschaft des Rhone alles ist."

Oder in seinem Gedichtkreis Les quatrains valaisans "Vois-tu, la-haut, les alpages des anges entre les sombres    sapins?"

Das tönt, wie wenn die Berge für ihn etwas allzu fernes, unerreichbares und dunkles wären. Für Rilke heisst Wallis Rhonetal, er nimmt seine Erinnerung an die Provence herein. Für ihn ist Landschaft und Klima der Gegend um Sierre lediglich ein verlängerter Arm des mediterranen Bereiches. Die Eigenart des Wallis, eben diese Verbindung des Einflussbereiches des Mittelmeeres und einer sich bis auf Höhen von 4500m auftürmenden Berg und Gletscherwelt, bleiben ihm ebenso unbekannt, wie dessen Bewohner, die zu seiner Zeit noch wie Nomaden zwischen den Rebhängen des Tales und den Alpweiden ihrer engen Täler hin- und herzogen. Unwillkürlich denken wir an Goethe - Rilke zitiert in einem Brief dessen Reise - der 1779 dem Laufe der Rhone bis zu seinem Ursprungsgletscher folgte und den verschneiten Furkapass durchstapfte und nach nur wenigen Reisetagen ein synoptisches Bild von Landschaft und Mensch des Wallis zeichnet.

Auch an seinem Landsitz Muzot benimmt sich Rilke wie ein Stadtbewohner. Er zwängt sich geradezu in erstarrte Normen. Er verkörpert das Produkt überzüchteten Städtertums, das seine Bindungen zum Landleben verloren hat, genauso, wie für ihn, für die von ihm gehandhabte Sprache, der Dialekt - Karl Jakob Burkhardt hat darauf hingewiesen -,aus dem jede Sprache Anregungen und Bereicherung erfährt, nicht existiert.

Aber nicht nur, dass dem Dichter die Bergwelt fern ist, auch die nahe um Muzot gelegene Landschaft gibt ihm in zunehmendem Masse nur mehr das Bild, den Hintergrund für das, was er sagen will:

"Schon ist mein Blick am Hügel, dem besonnten, dem Wege, den ich kaum begann, voran. So fasst uns das, was wir nicht fassen konnten, voller Erscheinung, aus der Ferne an
und wandelt uns, auch wenn wirs nicht erreichen, in jenes, das wir, kaum es ahnend, sind; ein Zeichen weht, erwidernd unserm Zeichen.... Wir aber spüren nur den Gegenwind."
Selten geht er ins Detail, etwa, wenn er in einem Brief die Anemones de Sierre beschreibt. Bäume, Pflanzen, Berge bleiben unbenannt, nicht nach ihrem botanischen oder geographischen Wesen differenziert, sondern sie fungieren als Gattungsbegriffe, als Symbole, an denen er seine Innenwelt spiegelt. In den Vordergrund schieben sich ihn prägende Erinnerungen, die dem zunehmend von Leiden geplagten Mann keinen Raum mehr für neue äussere Eindrücke lassen:

"Raum greift aus uns und übersetzt die Dinge:
dass dir das Dasein eines Baums gelinge,
wirf Innenraum um ihn, aus jenem Raum,
der in dir west. Umgieb ihn mit Verhaltung.
Er grenzt sich nicht. Erst in der Eingestaltung
in dein Verzichten wird er wirklich Baum."

Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke
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